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Kathmandu, zwischen zwei Welten

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Dem Tod so nah

Samstag, 03.03.2018, Teil 3. Sprachlos zu sein bedeutet nicht, eine negative Erfahrung zu machen, für die man keine Worte findet. Sprachlos sein kann auch der, der nicht imstande ist, die Gefühle und Gedanken einzuordnen, die durch eine ungewohnte Situation in ihm hervorgerufen werden. In diesem Moment bin ich so jemand. Die westliche Welt ist es nicht gewohnt, auf diese Art mit dem Sterben konfrontiert zu werden. Öffentlich zu trauern. An einem Ort, der dafür geschaffen wurde, den Toten durch die letzten Riten besondere Ehre zukommen zu lassen. Ich stehe am Flussufer des Bagmati und starre regungslos auf die brennenden Scheiterhaufen.

Der beißende Geruch nach Feuer liegt in der Luft, meine Augen brennen leicht. Ich blinzle. Schon als wir auf den Fluss in der leichten Geländesenke zugelaufen sind klopfte mein Herz schneller. Mein Verstand wusste, was mich erwartet.

Mein Verstand wusste nicht, was mich erwartet. Ich konzentriere mich auf Shyams Worte. Auf dieser Seite des Flusses können wir Bilder machen, sobald wir die Brücke passieren sollen wir jedoch davon absehen. Aus Respekt vor den Trauernden. Ich hätte nichts anderes vorgehabt.

Unter Hindus gilt es als erstrebenswert seine Leiche hier am heiligen Bagmati verbrennen zu lassen. Für diese letzte Ehre zahlen die Familien der Verstorbenen Geld. Wie viel, habe ich vergessen. Es gibt zwei Kremationsflächen, die sich preislich unterscheiden. Die Arya Ghats sind die Verbrennungsstätten der höheren Kasten, die Surya Ghats die der niederen. Beide Bereiche werden durch die Brücke ans andere Ufer getrennt. Mein Blick gleitet über die Arya Ghats. Ich stehe inmitten von Menschen, die sich versammelt haben und wie ich herübersehen. Sie sitzen hinter mir auf schmalen Stufen, zu meinen Füßen fällt die Steinwand senkrecht zum Fluss hin ab. Ich versuche mich so klein wie möglich zu machen und komme mir unendlich fehl am Platz vor. Ich möchte niemandem im Weg stehen, ich weiß nicht mal, ob es sich um Familienangehörige handelt, die den letzten Riten aus der Ferne beiwohnen. Die Informationen von Shyam dringen nicht bis in jede meiner Gehirnzelle vor. Ich muss mich unglaublich konzentrieren, weil mein Geist viel mehr mit der Szenerie beschäftigt ist, die sich gerade vor meinen Augen abspielt.

Da liegt eine Leiche. Eingehüllt in ein gelbes Tuch. Männer, vermutlich die Söhne, bewegen sie über eine steinerne Rampe vorsichtig Richtung Fluss. Dort angelangt werden die Füße mit dem heiligen Wasser gewaschen. Mit der Reinigung des Körpers verbindet man die Reinigung der Seele. Ich sehe weg. Um gleich darauf wieder hinzusehen. Die Bilder strömen auf mich ein und ich nehme sie ohne Wertung auf. Weil mein Kopf die Eindrücke aktuell nicht weiterverarbeiten kann. Eine vollkommen surreale Situation.

Nach der Waschung wird der Tote zu einem errichteten Scheiterhaufen getragen, der, falls es sich die Familie leisten kann, neben einfachem Holz auch aus kostbarem Sandelholz besteht. Die in das gelbe Tuch gewickelte Leiche wird auf den Stapel gebettet, die Füße hängen meist etwas über die Scheite hinaus. Der älteste Sohn schreitet die Kremationsstätte fünfmal im Uhrzeigersinn ab. Die heilige Zahl steht für die fünf Elemente im Hinduismus – Erde, Feuer, Wasser, Wind und den Äther. Sollte der älteste Sohn seine Aufgaben aus irgendeinem Grund nicht wahrnehmen können, übernimmt ein Priester. Der Scheiterhaufen wird zuerst  in der Nähe des Kopfes angezündet, im Anschluss auch an weiteren Stellen entflammt. Familie und Freunde halten sich während der Verbrennung in der Nähe auf, ein weiß gekleideter Mann sorgt für die Überwachung des Feuers. Er ist es auch, der nach geraumer Zeit die Füße weiter in die Flammen schiebt.

Mit der vollständigen Verbrennung löst sich die Seele vom sterblichen Körper und tritt somit in den Kreislauf der Wiedergeburten ein. Die Asche wird schließlich dem Fluss übergeben.

Es ist ein Ritual von unermesslicher Kraft und Bedeutung. Und es gehört noch so viel mehr dazu. Shyam erläutert uns jeden Schritt. Wem welche Aufgaben zuteilwerden. Dass es Duschen für die Angehörigen gibt, um die rituelle Verunreinigung durch den Toten abzuwaschen. Dass auch während der Trauerzeit genaue Vorschriften gelten, die befolgt werden müssen … ich bekomme nicht mehr alle Informationen zusammen. Aber das Gefühl, das dieses Erlebnis bei mir ausgelöst hat, hat sich eingeprägt.

Das Bild der Rauchschwaden, die aufgestiegen sind und die Tatsache, dass ich mir innerlich sagen musste, dass es tote Menschen sind, die dort brennen. Nur einen Steinwurf von dem Ort entfernt, an dem ich als unbeteiligter Tourist stehe und zusehe. Die unabwendbare Vorstellung, dass sich die Gerüche von Räucherstäbchen und der Asche lebloser Körper in der Luft vermischen. Die nackten, kleinen Straßenkinder, die über einen Steg aus zusammengebundenen Plastikkanistern in den Fluss springen, gemeinsam lachen, wieder herauskrabbeln und erneut Anlauf nehmen. In das Wasser eintauchen. Das Wasser, das die Asche der Toten beherbergt. Lebensfreude auf der einen Seite, obwohl diese Minimenschen nichts haben, nichts besitzen, außer jeden neuen Tag. Trauer und Vergänglichkeit auf der anderen Seite.

Ich stehe auf dem Gelände eines der bedeutendsten Tempel des Hinduismus und realisiere, dass das Leben endlich ist. Dass die Seele aus dem Körper entweicht und nichts als eine Hülle übrig bleibt, die plötzlich regungslos daliegt. Die Erkenntnis sickert langsam in jede meiner Zellen. Ja, wir sterben. Aber zwischen dieser Kenntnis und der tatsächlichen Konfrontation mit dem Ende eines Menschenlebens liegt eine Menge. Und diese Menge prägt sich mit Nachdruck ins Gedächtnis und das Herz. Was passiert mit der Seele eines Menschen, wenn dessen Zeit auf der Erde vorüber ist? Und warum müssen Kinder auf der Straße leben? Verdient nicht jeder ein gutes Leben, bevor er irgendwann entschwindet? Und was ist ein gutes Leben?

Ich habe gerade nicht das Bedürfnis zu sprechen. Ich starre weiter, möchte mich gern unsichtbar machen. Mich am liebsten in den Schatten unter einen Baum setzen und in Ruhe meine Gedanken sortieren. Aber hier gibt es weder Schatten, noch Bäume. Die Sonne brennt auf meinen Kopf herab und befeuert mein Hirnchaos noch ein bisschen mehr. Ich springe beinahe erleichtert zur Seite, als Shyam vorschlägt weiterzugehen. Ich bin die erste, die an der Brücke ankommt. Und sage immer noch kein Wort. Ich möchte noch ein bisschen in meiner eigenen Welt bleiben. Ich weiß nicht mehr, ob ich mich umsehe, als wir ans andere Ufer hinübergehen. Jeder Schritt, der mich von den Scheiterhaufen fortträgt, bringt ein wenig Leben zurück. Diese drückende Mattheit, die sich auf meinen Brustkorb gelegt hat, fühlt sich leichter an. Und ich traue mich, wieder tiefer einzuatmen.

Wir laufen Richtung Tempel. Und entfernen uns damit weiter vom Fluss. Zu unserer Rechten sonnen sich drei Kühe. An die Tatsache, dass die heiligen Tiere eigentlich immer und überall auftauchen können, habe ich mich mittlerweile gewöhnt. Niemand würde ihnen ein Haar krümmen. Sie versorgen die Menschen mit lebensnotwendigen Erzeugnissen und der ein oder andere Hindugott solch sich einst in ebendieser Tiergestalt gezeigt haben.

Unterwegs versuche ich doch noch einen Sadhu vor die Linse zu bekommen. Die Asketen haben sich hier zu wahren Geschäftsmännern entwickelt – keine Kohle, kein Bild. Der erste Bettelmönch hat sich innerhalb von Millisekunden eine Zeitung vors Gesicht gehalten, wie ich später feststellen muss, als ich an die Aufnahme heranzoome. Auf dieser Flussseite erwische ich dann tatsächlich einen, der in seine Mantras vertieft ist.

Sadhus verbringen ihr Leben in Askese, um sich frei von weltlichen Freuden zu machen. Ihr Ziel ist es, Erleuchtung zu erlangen. Die meisten von ihnen sind Anhänger Shivas, dem auch Pashupatinath, diese Tempelanlage gewidmet ist. Shiva ist der Zerstörer des Bösen innerhalb der Trinität der drei höchsten Gottheiten des Hinduismus – Shiva, Brahma und Vishnu. Die Asketen sind auf Spenden angewiesen, fotohungrige Touristen werden an bekannten Tempelanlagen gerne zur Kasse gebeten.

Der Bettelmönch zu meiner Rechten trägt ein Gewand mit Leopardenmuster, seinen Hals schmückt eine Schädelkette. Der graue, kurze Bart vereint sich unterhalb des Kinns zu einem langen, gedrehten dünnen Zopf, der ihm bis in den Schoß reicht. Auf seine Stirn hat er oberhalb seines Tikas ein weißes Gittermuster gezeichnet, auf dem Kopf befindet sich ein rotes Tuch, unter dem die Haare verborgen liegen. In seinen von Ringen und Armreifen geschmückten Händen trägt er einen ockergelben Beutel sowie einen Zettel. Im Schneidersitz geht er versunken seinen Riten nach. Hinter ihm ragt ein goldener Dreizack empor. Anders als sein Kollege am Eingang der Tempelanlage hat er seine Haut nicht mit weißer Asche eingerieben.

Die Erscheinungsformen der Sadhus variieren stark und lassen Rückschlüsse auf die Sekte zu, der sie angehören. Über Dreadlocks, lange Bärte, Nacktheit, komplette Enthaarung, safrangelbe, orangefarbene, zinnoberrote Gewänder, bunte Bemalungen bis hin zu religiösen Symbolen gibt es mannigfaltige Ausdrucksmöglichkeiten. Für mich umgibt sie eine mystische Aura, weil ihr Lebensstil so anders und unbegreiflich ist, vollkommen von dieser Welt abgewandt.

Wir setzen unseren Weg zum eigentlichen Tempel fort und erreichen den Haupteingang im Westen. Für uns als Nicht-Hindus-und-Buddhisten-Nepals gibt es keinen Zutritt, genauso wenig wie für Hindus westlicher Abstammung. Also stehen wir davor und schauen in den Innenhof, was mir bei den vorherrschenden Temperaturen und Menschenmassen vollkommen reicht. Ich bin schon beschäftigt genug, nicht aus Versehen in jedes Foto zu rennen. Jeder möchte ein Erinnerungsbild vor dem strahlend gelben Eingang. Im Hintergrund die bunten Verzierungen, goldenen Details, feine gelbe und orangefarbene Blumenranken. Thronend über allem Shiva, in Blautönen gehalten, mit seinem goldenen Dreizack. Der Dreizack ist laut Überlieferungen entweder als Symbol der drei Hauptgottheiten oder der mit ihnen verbundenen Urkräfte zu verstehen ist. Die unsichtbare Gewissheit, die die Menschen in ihrem Glauben anleitet, ist auch hier förmlich greifbar. Wie ein Sog zieht sie der Tempel an mir vorbei in sein Inneres. Mit diesem letzten Eindruck verlassen wir das Gelände und bahnen uns unseren Weg durch die quirligen, staubigen Seitenstraßen zurück zum Wagen.

Unser letztes Ziel ist die buddhistische Stupa Boudhanath, mit ihrer Höhe von 36m eine der größten ihrer Art weltweit. Sie liegt an einer früheren Haupthandelsroute zwischen Nepal und Tibet und bildet das Zentrum der tibetischen Gemeinschaft  des kleinen Binnenstaates. Ich realisiere, dass ich gerade die vierte UNESCO Weltkulturerbestätte für heute betrete. Als wir durch das Eingangstor schreiten und sich die Stupa weiß und golden vor uns in den Himmel erhebt, ist der Straßenlärm vergessen. Die Ruhe schluckt und katapultiert uns in eine kleine Parallelwelt außerhalb dieser einnehmenden Großstadt. Im Uhrzeigersinn umrunden Gläubige die Anlage, deren Grundfläche der Form eines Mandalas nachempfunden ist. Auf jeder Seite sind die achtsamen, alles sehenden Augen Buddhas aufgezeichnet, Gebetsfahnen bahnen sich trapezartig ihren Weg Richtung Fundament. Die weiße Kuppel, auf der ein spitz zulaufender, goldener Aufsatz thront, wirkt beinahe wie ein Baiser. Sie wird von orangefarbenen Blütenranken verziert, die sich an die steinernen Nischen schmiegen, in denen sich Buddhastatuen in Meditationshaltung befinden.

Der Legende nach wurde Boudhanath im fünften Jahrhundert von einer alten Frau erbaut, die den König um Land bat, um einen Schrein zu Ehren Buddhas zu errichten. Der König sprach ihr so viel Land zu, wie sie mit dem Leder eines einzigen Wasserbüffels abdecken könne. Sie schnitt also das Leder in feine, dünne Streifen und legte die Enden so aneinander, dass ein großer Kreis entstand. Der König musste erkennen, dass er hereingelegt wurde, hielt sein Wort jedoch und übereignete der Dame die entsprechende Landmenge. Daraufhin erwachte zum Leben, was heute als Boudhanath bekannt ist.

Der Einfluss der einst geflüchteten Tibeter, die sich seit 1959 hier niedergelassen haben, zeigt sich in den Läden, Häusern und zahlreichen Klöstern, die die Stupa umgeben. Die Anlage musste nach dem Erdbeben in weiten Teilen komplett ersetzt werden. Der gesamte Aufbau, bestehend aus dem viereckigen Turm, den 13 Stufen zur Erleuchtung, dem Lotus sowie dem Seidenbaldachin und der Turmspitze wurde von Grund auf erneuert. Die Risse hatten sich bis in die oberen Bereiche der Halbkugel gefressen. Durch Spenden und die Mithilfe vieler Freiwilliger wurde das Heiligtum unter Verwendung traditioneller Materialien 2016 wiederaufgebaut.

Von dem Dach eines Klosters genießen wir schließlich eine grandiose Aussicht auf das gesamte Areal. Die Butterkerzen, die für Zeremonien genutzt werden, stehen bereit und warten auf ihren nächsten Einsatz. Die Fahnen wehen im Wind und das Gold strahlt in der Sonne. In einer stillen Ecke hat sich ein junges asiatisches Pärchen an die Balustrade gelehnt. Auf dem Platz wartet ein Mönch von Tauben umringt auf Spenden. In seinen Händen hält er eine silberne Schale. Er bewegt sich nicht. Ich lasse meinen Blick über die Menschen wandern, über die Dächer hinweg und zu den Bergen des Kathmandu Tals, die sich blass am Horizont abzeichnen. Ein Grinsen stiehlt sich auf mein Gesicht. Ich bin tatsächlich hier. Und ich darf mir all diese Schätze ansehen.

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