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Kathmandu, zwischen zwei Welten

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In Nepal gehen Hinduismus und Buddhismus eine einzigartige Symbiose ein, die sich in facettenreichen Riten und unglaublich atmosphärischen religiösen Stätten wiederspiegelt. Zwei Begegnungen haben bei mir besonders intensive Eindrücke hinterlassen. Damit sie in Ruhe wirken können, möchte ich ihnen gerne etwas Raum geben. Der nächste Artikel ist dementsprechend in zwei Teile untergliedert. In beiden Kapiteln nehme ich euch mit auf eine kleine Reise durch die vielseitige Tempelwelt Kathmandus. Los geht’s.

 

Die lebende Göttin

Samstag, 03.03.2018, Teil 1. Ich hebe den Müslilöffel gerade zum Mund, als ein mit smaragdgrüner North Face-Regenjacke bekleideter Nepali an unserem Tisch vorbeiläuft. In der Hand sein Handy, auf dem er eine Information kontrolliert. Zielstrebig steuert er das Ehepaar hinter uns an, das am deutlichsten nach deutschen Touris ausschaut. Neun Uhr. Ein Blick auf die Uhr verrät mir, dass wir eigentlich noch eine halbe Stunde Zeit haben, ehe wir uns auf Tempelexkursion begeben. „Julia?“, Mist. Ich sehe das Frühstück schon an mir vorbeiziehen. „Yes?“ Ein Lächeln. „Hallo.. Ich bin Shyam, der Tourguide.“ Irritation. Er spricht Deutsch. Ich muss mich ein wenig konzentrieren, aber es ist eindeutig unsere Sprache. „Eeehm.. hi!“ Wir sehen uns an. Ich habe Hunger. Erwähnen wir das  Essen? „Ja, super! Wir sind Julia und Laura. Stand in der Mail nicht halb 10?“ „Ohja, ja, ja! Keine Eile. Ich bin da, ich warte. Essen Sie in Ruhe fertig. Wir haben heute Zeit.“ Das Mantra des Tages. Shyam mit seinen schwarzen Nike-Turnschuhen, der braunen Kordhose und dem blaugrau gestreiften Hemd ist ein Entspannter. Stets darauf bedacht uns nicht durch die Straßen zu jagen, sondern im Moment zu verweilen.

Ich frage mich, ob sich seine ovale Sonnenbrille je nach Lichteinfall von allein abdunkelt, als wir uns im Auto auf dem Weg Richtung Durbar Square befinden. Ein ganzer Van nur für uns. Ohne Sicherheitsgurte, versteht sich. Dafür mit Teppich und Fake-Laminat ausgelegt. Wir passieren eine gigantisch große freie Fläche, die laut Shyam für Festlichkeiten verwendet wird und tausenden von Menschen Platz bietet. Aufgebaute Stuhlreihen kündigen bereits die nächste Veranstaltung an. Ein paar Minuten später erreichen wir die Straße, die sich an den Vorplatz des alten königlichen Palastes schmiegt. Nachdem wir Eintritt gezahlt haben, passieren wir den breiten steinernen Weg, der als stummer Zeuge des vergangenen Holi-Festes noch immer bunte Farbspuren aufweist. Die Male des Erdbebens sehen wir gleich zu Beginn. Die Pagode zu unserer Rechten ist bis unter das letzte Dach in ein Gerüst eingefasst, das Gebäude daneben ist bis zur Hälfte in sich zusammengefallen, Schuttberge werden mit gelben und blauen Planen verdeckt, Überreste mit Holz- und Metallstangen gestützt. Von den mehr als 50 Tempeln, Palästen und heiligen Stätten sind zahlreiche zerstört. Wie viele, kann ich nicht beurteilen.

Im Gegensatz zu Patan und Bhaktapur sind die Wiederaufbauarbeiten allerdings weniger präsent. Ich sehe keine Arbeiter, einzig die Stützen arbeiten hier gegen die Schwerkraft. Der Platz, der auch Basantapur genannt wird, markiert die Stelle, an der einst zwei kleine Handelsdörfer zu Kasamandap zusammenwuchsen, dem ersten Gebäude Kathmandus. Schon damals war er Treffpunkt, um Geschäfte zu machen. Auch heute versammeln sich fliegende Händler, die auf Decken ihre Waren ausbreiten. In der Hitze des anbrechenden Tages schlendern wir an endlosen Reihen aus Ketten, Statuen, Messern und Klangschalen entlang, werden begrüßt, näher heran gewunken und von Blicken verfolgt. Ich beuge mich in den kleinen Schatten eines steinernen Irgendwas und höre zum ersten Mal von der Kumari Kathmandus, die als lebende Reinkarnation der Taleju, der Schutzgöttin des Landes von Hindus und Buddhisten gleichermaßen verehrt wird. Sie hält sich im Kumari Ghar hinter uns auf, einem Palast aus rotbraunen Ziegelsteinen und aufwendigen Teakholzschnitzereien, den sie nur 13 Mal im Jahr zu besonderen Festlichkeiten verlassen darf. Ich werfe einen Blick über die Schulter und versuche mir das kleine Mädchen vorzustellen, das erst vor wenigen Monaten aus einer angesehenen Familie der buddhistischen Newar-Ethnie ausgewählt wurde. 32 körperliche Merkmale und das Geburtshoroskop entscheiden letztlich darüber, welches der zwischen zwei und vier Jahre alten Kinder zur neuen Kumari wird. Rein müssen sie sein, frei von Makeln und zahlreiche religiöse Prüfungen bestehen. Dazu gehört es, in einen dunklen Raum gesperrt, keine Angst vor tanzenden Männern in Dämonenmasken zu zeigen, gruselige Geräusche auszublenden und den Anblick blutender, abgetrennter Köpfe frisch geopferter Büffel zu ertragen. Bleibt das Mädchen ruhig, darf es nach Zustimmung der Eltern in den Tempel einziehen.

Ich weiß nicht, ob die Kumari tatsächlich einem partiellen Redeverbot unterliegt, aber seit 2008 erhält sie zumindest Privatunterricht und damit den Zugang zu Bildung. Widersprochen werden darf ihr auch während des Unterrichts nicht. Wenn sie das Haus zu religiösen Festen verlässt, wird sie in einer goldenen Sänfte durch die Straßen getragen. Den Boden dürfen ihre Füße nicht berühren – er gilt als unrein. Ebenso das Verlieren von Blut. Spätestens, wenn die erste Menstruation einsetzt, löst sich der Göttinnenstatus des Mädchens also auf und die Suche beginnt von vorn.

Einst kniete sogar der König vor ihr nieder, galt sie doch als sein Orakel und jede ihrer Reaktionen als bedeutsames Zeichen. Der König ist nicht mehr an der Macht, dafür besucht sie nun der Premierminister. Ansonsten segnet sie in stummen Audienzen Pilger, drückt ihnen einen roten Punkt, ein Tika – das dritte Auge, auf die Stirn. Mit ihren Geschwistern darf sie spielen. Selbst von den eigenen Eltern wird sie nicht mehr bei ihrem weltlichen Namen genannt.

Der Kumari von Bhaktapur werden mehr Freiheiten zuteil. Sie darf eine normale Schule besuchen und Freunde treffen. Ich wünschte diese essentiellen weltlichen Freuden würden für jede lebende Göttin gelten.

Da stehen wir nun, im Innenhof des Kumari Palastes und warten darauf, dass sich das winzige Mädchen zeigt. Jeder verrenkt den Blick zu dem kleinen, mittleren  der drei Fenster im zweiten, gedrungenen Stockwerk. Selbst hier werden die Wände mit Holzpfählen gestützt. Wie muss es sich anfühlen, Tag für Tag den immer gleichen Ausblick zu haben? Die Touristen, die im Innenhof darauf warten, dass man ihnen für ein paar Sekunden das zierliche Gesicht entgegenstreckt.

Eine Garantie, dass sie sich zeigen wird, haben wir nicht. Die Guides rufen mehrere Male. Die Zeit vergeht. Spannung liegt in der Luft. Es dürfen unter keinen Umständen Bilder von der Kumari gemacht werden. Schließlich tritt eine Frau ans Fenster. In ein paar Minuten sei es so weit. Die Göttin werde noch vorbereitet. Ich kann nicht leugnen, dass ich das Mädchen unbedingt sehen möchte. Diese Verkörperung des Surrealen, das mein Verstand nicht wirklich erfassen kann. Ich führe einen innerlichen Kampf zwischen Faszination, Anerkennung und Verurteilung dieser Tradition. Die Frau taucht erneut auf, plötzlich wird es still. Die Kumari wird angekündigt. Ich halte die Luft an.

In ein grellrotes Gewand gekleidet tritt die Dreijährige vor und schaut auf die Menge herab. Die Augenlider sind beinahe bis zu den Schläfen schwarz nachgezeichnet. Die Lippen ebenfalls rot. Lächeln darf sie nicht. Der Ausdruck in ihren Augen verrät, dass sie das nicht einmal tun würde, wenn es erlaubt wäre. Sie ist noch viel zu klein, um die Situation zu begreifen. Eingeschüchtert gleitet ihr Blick über die Menschen. Man sagt, dass sie viel weint. Wer kann es ihr verdenken. Vor ein paar Monaten hat man sie aus ihrem gewohnten Umfeld gerissen. Wir legen die Handflächen vor unserem Gesicht aneinander und neigen den Kopf leicht nach vorn. Nach ein paar weiteren Sekunden verschwindet die Kumari wieder aus dem Sichtfeld. Sie hat ihre Pflicht erfüllt.

Gemurmel breitet sich im Innenhof aus. Die Menschen haben das erhalten, weswegen sie hergekommen sind: die Segnung einer lebenden Göttin.

Ich blicke zum leeren Fenster. Irgendwann wird auch sie ihre Reinheit verlieren und eine staatliche Pension von gerade einmal 30€ erhalten. Die bescheidene Summe wird ihr die fehlende Sozialisation nicht ersetzen. Lächeln und Ausgelassenheit sind ihr fremde Verhaltensformen. Heiraten möchte die Kumari niemand, zu groß ist der Respekt. Der Göttinnenstatus wird ihr auch nachträglich anheften wie ein Brandzeichen. Privileg und Bürde zugleich. Ich frage mich zu welchem Preis – stehen die religiösen Reinigungsriten der hinduistischen Oberpriester doch unter dem Verdacht, sich am Rande der Legalität zu bewegen. Ich kann mir dazu kein Urteil erlauben, doch das Kindsein genommen zu bekommen muss etwas mit dem Geist anstellen, das die Natur so nicht vorgesehen hat.

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