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Der frühe Vogel

Den Schal bis zum Kinn gezogen, die Jacke geschlossen, der Atem tanzt in kleinen Wölkchen durch die Luft. Und während die Natur langsam erwacht, steigt über dem Himalaya die Sonne orangerot in den Himmel hinauf.

Freitag, 02.03.2018. Von Nagarkot aus kann man bei gutem Wetter bis zum Mount Everest schauen. Das ist das Ziel, das wir fest vor Augen haben, als wir uns um vier Uhr morgens aus dem Bett zwingen. Gereicht hat es für gerade einmal drei Stunden Schlaf. An der Rezeption steht ein Lunch-Paket bereit, gleich daneben wartet Ray, unser Guide für den heutigen Tag. Er ist jung, spricht sehr gut Englisch und strahlt uns an. Studiert hat er Soziologie, berichtet er später, arbeitet allerdings schon seit vielen Jahren im Tourismusbereich. Anfangs war er Träger bei Trekkingtouren, hat Rucksäcke und Proviant geschleppt, später dann selbst Schützlinge auf die Berge geführt. Zu seinen Freunden zählt er Menschen auf der ganzen Welt, hat ihnen die Geschichte seines Landes nähergebracht und am Ende auch einen Teil zu ihrer eigenen beigetragen. Während wir im Dunklen durch die Straßen Kathmandus fahren, zeigen wir uns Bilder des gestrigen Holi-Festes, sprechen über die bisherigen Erlebnisse und unsere weiteren Reisepläne. Das Beifahrerfenster ist einen Spalt geöffnet. Gegen die Kälte und Abgase schieben wir uns den Schal ins Gesicht. Schon morgens um fünf Uhr lebt die Stadt. Ich schaue den Rest der Fahrt aus dem Fenster, nehme die vorbeiziehenden Häuser schemenhaft wahr und hefte meinen Blick an Schilder, Fahrzeuge und Lichter. Irgendwann taucht eine Kuh am Straßenrand auf. Hier und da ein Huhn. Je weiter wir uns von Kathmandus Zentrum entfernen, desto abenteuerlicher wird die Fahrt.

In ein paar Jahren wird es hier vermutlich anders aussehen. Gerade erst hat Nepal nach beinahe 20 Jahren neue Parlamentswahlen durchgeführt. Die linke Allianz aus kommunistischer und maoistischer Partei hat wohl eine stabile Regierung für die nächsten fünf Jahre versprochen. Zehn Ministerpräsidenten hatte es in den letzten elf Jahren gegeben, begleitet von Instabilität, Unsicherheit und Auseinandersetzungen. Erst 2006 endete der zehnjährige Bürgerkrieg, Demonstranten zwangen den König zur Aufgabe seiner Macht. Durch parteiliche Streitigkeiten dauerte es jedoch weitere neun Jahre, bis schließlich die neue Verfassung umgesetzt und Nepal zur Republik erklärt wurde. Das Land Im Himalaya hat einen langen Weg hinter sich, vermutlich einen ebenso langen vor sich. Ich wünsche Nepal die politische Stabilität sehr – die Menschen hier haben eine gute Zukunft verdient. Aktuell spürt man, dass einiges bewegt wird. Baustellenfahrzeuge und Konstruktionsmaterialien gehören zum typischen Straßenbild.

Wir schieben uns an Schutt, Mensch und Tier vorbei, überholen Transporter und folgen schließlich der Straße, die uns den Berg hinauf Richtung Nagarkot führt. Um 06:27 Uhr wird die Sonne am Horizont auftauchen, bis dahin müssen wir es bis zum Gipfel geschafft haben. Ich strecke die Hand nach dem Haltegriff nahe dem Fenster aus, während wir über die unbefestigte Straße holpern. Rutsche im Sitz nach links und rechts und versuche mich auf den Ausblick zu meiner Linken zu konzentrieren. Terrassen ergießen sich kaskadenartig ins Tal, dichte Nebelschwaden umspielen die Hügel. Wir steigen höher und höher, schlängeln uns serpentinenartig um den Fels herum. Mein Magen ist nicht erfreut. Aus dem Gespräch klinke ich mich kurzzeitig aus. Wir passieren einen Checkpoint und entrichten unsere Gebühr. Die gäbe es noch nicht allzu lange, erklärt Ray. Das Geld wird genutzt, um die Bauarbeiten auf diesem Streckenabschnitt voranzutreiben.

Irgendwann wird die Fahrt ruhiger, einzig die Kurven bleiben. Bereits drei Mal vermute ich den Aussichtspunkt hinter der nächsten Ecke, doch die Straße schraubt sich weiter in die Höhe. 06:20 Uhr, uns bleiben noch sieben Minuten. Wir erreichen einen Parkplatz und beeilen uns die letzten Stufen hinaufzukommen, die uns zum Plateau führen, das uns einen 360°-Ausblick verspricht. Da stehen wir nun, atmen die kalte, leicht feuchte Morgenluft ein und schauen zu, wie sich der Nebel über die Baumkronen schiebt. Die Berge um uns herum liegen im Dunst verborgen, je weiter entfernt, desto blasser verschwimmen sie am Horizont. Als der orange glühende Punkt langsam aufsteigt, streicht der Wind über die bunten Gebetsfahnen im Vordergrund. Er nimmt die aufgedruckten Symbole und Gebete mit sich und trägt sie in die Welt hinaus, um dem Universum Weisheit, Glück und Frieden zu bringen. Jede der fünf Farben steht traditionell für ein Element – Blau für den Himmel, Weiß für die Luft, Rot für das Feuer, Grün für das Wasser und Gelb für die Erde. Ich lausche dem Vogelgezwitscher, das den neuen Tag ankündigt und verabschiede mich von dem Gedanken heute noch eine weiße Bergspitze zu sehen. Stattdessen beobachte ich, wie der kleine Feuerball höher steigt und den Himmel in ein zartes Rosa taucht. Ich wickle den Schal ein bisschen enger und versinke in den grauen Schattierungen der umgebenden Anhöhen, die der feine Dunst in die Luft zeichnet. Die Ruhe liegt wie eine schwere Decke auf dem Tal, die langsam zur Seite gestrichen wird, als die Sonne schließlich aufgeht. Es ist kalt und der Nebel streckt noch immer seine Finger nach uns aus.

Ich lasse den Blick noch einmal über die Szenerie wandern und folge den anderen beiden die Stufen hinab zu der kleinen Hütte, vor der ein Tisch für Gäste bereitsteht. Ray zieht Stühle heran und bestellt schwarzen Tee, der kurz darauf in einer dampfenden Tasse vor mir abgestellt wird. Ich wärme meine Hände und genehmige mir einen Schluck der süßen Flüssigkeit, danach lasse ich mir das Käsesandwich aus der Lunchbox schmecken. Das hart gekochte Ei macht mir irgendwie Angst. Also ignoriere ich es. Ich bin gespannt, ob mein Magen die Schaukelei des Rückwegs mit mehr Wohlwollen annimmt, nachdem ich etwas gegessen habe. Nachdem der Tee gezahlt ist, geht es zurück ins Auto. Auf dem Weg ins Tal offenbart die Morgensonne einen atemberaubenden Blick auf die tieferliegenden Felder. Getreide und Kartoffeln wachsen Seite an Seite, die braungrünen Halme dicht aneinander gedrängt. Auf der niedrigen Mauer, hinter der der Fels steil abfällt, geht ein Nepali seines Weges, im Hintergrund ragen die weichgezeichneten Anhöhen auf, die von der Sonne in warmes Licht gehüllt werden. Die feinen Wassertropfen funkeln in der Luft. Ich versuche mir die Zerbrechlichkeit der frühen Stunden nach Tagesanbruch einzuprägen. Alles wirkt so rein und unverfälscht.

Der Blick ins ländliche Kathmandu-Tal macht die fehlenden Berge wett. Der Legende nach war der tiefe Kessel mit Wasser geflutet, in dessen Mitte eine riesige leuchtende Lotusblume blühte. Der tibetische Heilige Manjushri sei zum großen See gekommen und habe mit seinem Zauberschwert eine Schneise in die umliegenden Hügel geschlagen, sodass das Wasser mit all den darin enthaltenen Schlangen abfließen konnte. Die Lotusblüte pflanzte er daraufhin auf die Anhöhe von Swayambunath, wo sie immer noch als große Stupa vorzufinden ist.

Während wir der Straße folgen, die sich ins Tal hinabwindet, berichtet Ray von der Geschichte Nepals. Wir halten ein paar Mal am Seitenstreifen, um entgegenkommende Fahrzeuge vorbeizulassen oder einen Bekannten zu grüßen, überholen, falls ein Laster zu langsam vorwärts kommt. In den Häusern, die wir passieren, gehen die Menschen bereits ihren Aufgaben nach, versorgen die Tiere, fegen vor der Türschwelle, machen die Wäsche, richten ihre Verkaufsstände her. Hin und wieder steht im Nirgendwo ein Haus, das sich an den Abhang klammert. Ob es sich gerade im Aufbau befindet, oder die Bauarbeiten irgendwann einfach eingestellt wurden, lässt sich nicht erkennen. Dennoch findet sich fast immer eine Seele, die auf dem Dach oder einem Stuhl in der Einfahrt sitzt und die Umgebung beobachtet.

Ich höre den Erklärungen unseres Guides zu, während ich versuche, mir die Aussicht zur damaligen Zeit vorzustellen. Einst wurde das Tal nach dem Tod des Königs unter dessen drei Söhnen aufgeteilt. So entstanden die Königreiche Bhaktapur, Kantipur (das heutige Kathmandu) und Lalitpur (heutiges Patan). Die Rivalität untereinander spiegelte sich nicht nur politisch, sondern auch in Kunst, Kultur und Religion wieder: Pagoden, Tempel und Paläste der Königsstädte mussten einander stets übertrumpfen, was zu prächtigen Bauwerken, verschwenderischen Opfergaben und wertvollen Kunstschätzen führte, die teilweise noch heute bewundert werden können. Trotz allem Zwist verstand sich das Kathmandu-Tal als Einheit. Doch die politischen Unruhen forderten ihren Preis: das restliche Nepal bestand aus fast 50 unabhängigen Kleinstaaten, in denen die lokalen Fürsten zunehmend souverän regierten. Die Zersplitterung des Landes ebnete den Weg für die Eroberung durch die Gorkha-Dynastie der Shah. Der Gorkha-Prinz Prithvi Narayan nahm zunächst Kathmandu ein, dessen Bewohner anlässlich des Indra Jatra-Festes*1 zu betrunken waren, um zu kämpfen. Nachdem er auch Patan und Bhaktapur erobert hatte, wurde er zum Herrscher über das gesamte Tal. Nach und nach besetzten die Gorkha auch die restlichen Teile Nepals. Kathmandu ernannte man zur Hauptstadt und die Dynastie der Shah bestand bis zum 29. Mai 2008.

Sowohl Bhaktapur, als auch Patan stehen heute auf unserer Liste – beides Teile des seit 1979 ausgewiesenen UNESCO-Weltkulturerbes Kathmandu-Tal. Mittlerweile in den Ausläufern der kleinsten der drei ehemaligen Königsstädte angekommen, schieben wir uns im Straßenverkehr vorwärts. Seitdem die Sonne am Himmel steht, wird die Luft zunehmend drückender. Die Frischluftkur für unsere Atemwege war nur von kurzer Dauer. Mitten im Gewusel springen wir aus dem Auto, folgen Ray aufmerksam durch das Chaos an Motorrollern, Fußgängern, Transportern und hupenden Kleinwagen. Nachdem wir den Eintrittspreis von 1500 Rupien gezahlt haben (11,65€), tauchen wir in eine Seitenstraße ab. Im Schutz der frühen Morgenstunden können wir zusehen, wie die Geschäfte zum Leben erwachen. Wir sind weit und breit die einzigen Touristen, lernen anhand von steinernen Tempelabbildungen die zehn Inkarnationen Vishnus kennen und bewundern die detaillierten Holzschnitzereien der Newar*², die zahlreiche Gebäude schmücken. Das Pfauenfenster in einer kleinen Gasse an der Ostseite des Museums bildet einen Höhepunkt der Handwerkskunst Nepals. Das filigran bearbeitete, dunkelbraune Material zieht sich um die obere Etage und verwehrt trotz der zahlreichen kleinen Gitteröffnungen den Blick ins Innere. Nach ein paar verwinkelten Straßen, in deren Ecken noch die Kühle der vergangenen Nacht steckt, gelangen wir zum Durbar Square von Bhaktapur, dem Platz des alten Königspalastes. Die Sonnenstrahlen schieben sich langsam über die Dächer der alten Pagoden und Tempel, Tauben flattern eilig davon als sich ein Motorroller nähert und knatternd um die nächste Ecke verschwindet. Die Luft ist erfüllt von Staub und der Wärme des anbrechenden Tages. Wir erklimmen die steilen Stufen des Nyatapola Tempels mit seinen fünf Dächern, der beschützt von steinernen Elefanten, Löwen, Greifen und den Göttinnen Baghini und Singhini 30m hoch über dem Platz thront. Jeder Wächter der übergeordneten Stufe sei zehnmal stärker als die darunter positionierte Figur. Auf der obersten Ebene umrunden wir die Pagode im Uhrzeigersinn und setzen uns schließlich auf den steinernen Absatz.

Mein Blick schweift über den Platz zu unseren Füßen, die Menschen, klein wie geschäftige Ameisen wuseln in alle Himmelsrichtungen. Von der Seite nähern sich neugierig zwei Jungs. Als sie uns auf Nepali ansprechen und der Kleine mit der viel zu großen Kappe auf dem Kopf die schwarzen Magnete in seiner Hand klacken lässt, frage ich mich, wo wohl die Eltern stecken. Ray unterhält sich mit ihnen, wir versuchen ein gemeinsames Bild, schauen in die Sonne, kneifen geblendet die Augen zusammen. Ein paar Minuten später machen wir uns vorsichtig auf den Weg nach unten. Die Kinder stürmen voran, wir nehmen die schmalen steinernen Stufen seitwärts, um nicht mit dem Gesicht zuerst anzukommen. In der Nähe des Töpfermarktes führt uns Ray in einen kleinen Laden. Er begrüßt den Besitzer freundschaftlich und keine drei Minuten später sitze ich auf einem niedrigen runden Hocker zwischen Keramik und Ton, die rotierende Töpferscheibe vor meinen Knien. Ich tunke die Hände in einen Eimer mit Wasser und starre auf den graubraune Berg, der sich noch Sekunden zuvor unter den geübten Bewegungen des Töpfers in kleine kunstvolle Kelchen und Schalen verwandelt hat. Animiert von meinen Zuschauern setze ich die Hände an und vollführe unter Anweisung minimale Bewegungen, bis sich langsam aber sicher ein kleines Gefäß aus der Masse herausschält. Ich muss gar nicht viel tun, der Ton formt sich beinahe von allein samtig unter dem Druck meiner Finger. Entspannend. Ich freue mich, als hätte ich gerade die Abkürzung ins Wunderland entdeckt und halte die kleine Schale stolz in der Hand. Mitnehmen kann ich sie nicht, sie muss erst trocknen und gebrannt werden. Dafür bekomme ich eine andere, die irgendein Franzose vor mir fabriziert hat. Okay. Cool. Natürlich werden wir dazu gebracht sämtliche Ware, die zum Verkauf steht, eingehend zu betrachten, während er mir der Besitzer Komplimente für mein „Life is a Rainbow“-Shirt macht. Ja, das Leben ist schön. Ja, ich lächle ganz viel. Ja, ich mag mein Shirt auch. Ja, ich kaufe dir für ein paar Dollar eine hinduistische Götterfigur ab. Da die Metallherstellung zu einer der ältesten Künste Nepals zählt, habe ich so wenigstens das Gefühl, einen Teil der jahrhundertealten Tradition bei mir zu tragen.

Nachdem uns der Fahrer am „Seitenstreifen“ einer der quirligen Hauptstraßen eingesammelt hat, geht es weiter nach Patan. Ich möchte an dieser Stelle nachhaltig beeindruckt erwähnen, dass das Auto, mit dem wir unterwegs sind, tatsächlich über Sicherheitsgurte verfügt. Die benötigt in Nepal normalerweise niemand. Auf unserer Fahrt von Bandipur nach Pokhara eine Woche später werde ich mir noch sehnlichst welche wünschen. Aber das weiß die Gegenwarts-Laura zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Das Auto reiht sich in den Verkehr ein und wir verschwinden in der Masse an Fahrzeugen. Ich genehmige mir als zweites Frühstück das Käse-Sandwich aus meiner Lunch-Box und gehe meiner Lieblingsbeschäftigung nach: aus dem Fenster gucken und Menschen beobachten. Die Pausen, in denen wir von A nach B fahren, tun gut, um die Informationen sacken zu lassen und für kurze Zeit aus der Sonne zu kommen. Ich kann mir nicht halb so viele religiöse und geschichtliche Hintergründe merken, wie ich gerne würde. Bei angeblich mehr als 330 Millionen Göttern sei mein Gehirn entschuldigt. Der hinduistische Glaube ist in Nepal stark mit buddhistischen Einflüssen verwoben und durchdringt den Alltag in einer Intensität, die ihn über die Religion hinaus zu einer eigenen Lebensweise macht.

In Patan angelangt werden wir selbst Zeugen, wie Nepal alles daran setzt, die vom Erdbeben zerstörten Teile der Tempel- und Palastkomplexe wiederaufzubauen. In der drittgrößten Stadt Nepals haben die Erschütterungen besonders stark gewütet. Komplette Pagoden sind eingestürzt, Überreste werden mit langen Stangen gestützt, Gerüste umgeben die Bauten, die auf den ersten Blick intakt wirken, in ihrer Bausubstanz dennoch massiv beschädigt wurden. Jedes Einzelteil soll an seinen angestammten Platz zurückgebracht werden. Die Tatsache, dass die Gebäude im Zuge der Listung als UNESCO-Weltkulturerbe allesamt kategorisiert wurden, ist ein großes Glück. Aufgereiht und durchnummeriert liegen die Bruchstücke in Hinterhöfen und Tempelanlagen beisammen und warten darauf, als Gesamtheit wieder neues Leben eingehaucht zu bekommen.

Man kann sich ausmalen, wie wunderschön es vor 2015 gewesen sein muss. Als noch jeder Stein auf dem anderen saß, die Holzschnitzereien an den Tempelwänden thronten, der gesamte Durbar Square in seiner Vollkommenheit existierte. Patan strahlt selbst jetzt. Die alten Gebäude schicken einen in der Zeit zurück, die Götterfiguren und Legenden hüllen den Platz in einen Mantel aus Mystik. Die Welt hier ist in ihrer Bildsprache so vielseitig und bunt, dass die Fantasie von ganz allein auf Wanderschaft geht. Es kostet mich keinerlei Anstrengung mir vorzustellen, wie der König durch das goldene, glänzende Tor in seinen Palast schritt, vorbei an den zahlreichen Verzierungen und Bildnissen Shivas, Parvatis, Kumars und Ganeshas. Wie er sich dem Volk von den prunkvollen Fenstern aus zeigte, um im Anschluss wahrscheinlich ein Bad im Mangal Hiti, dem steinernen Wasserbecken im mittleren Innenhof zu nehmen.

Ob die Menschen schon damals über die Kamasutra-Schnitzereien am Jagannarayan Tempel schmunzeln mussten? Die eindeutigen Darstellungen sollten das Volk angeblich dazu animieren, fröhlich Nachfahren zu zeugen. Neue Generationen bedeuteten zukünftige Arbeitskraft, die sich positiv auf die Wirtschaft und das Leben der Stadt auswirkte #fiftyshades. Am Hari Shankar Tempel konnte man gleich darauf schonmal checken, was einen in der Hölle erwartete, falls es nicht so rund lief. Diese Kultur in all ihren tausend exotisch (exotisch, nicht erotisch) abstrusen Facetten fasziniert mich.

Ich bin noch immer in Gedanken versunken, als wir am Thangka-Atelier ankommen, in dem wir einem Meister beim filigranen Malen eines farbenfrohen Mandalas zuschauen können. Er sitzt auf einem Kissen auf dem Boden, vor sich die Staffelei, in der Hand einen feinen Pinsel. Thangkas stammen ursprünglich aus Tibet und sind religiöse Rollbilder des tantrischen Buddhismus. Sie werden zu Meditationszwecken im Haus oder Tempel eingesetzt. Der Verkäufer erklärt uns geduldig die häufigsten Darstellungen: das Lebensrat, die Chakren des menschlichen Körpers, den Lebensweg Buddhas. Motiv um Motiv wird hervorgezogen. Wir dürfen die auf Leinen dargestellten Motive berühren und mit dem Finger über kleine Tiere, Pflanzen und Figuren fahren. Im Licht glänzt die goldene Farbe verführerisch. Der Erfahrungsgrad des Künstlers bestimmt die Qualität des Thangkas – sind die Striche fein gezogen, die Schattierungen sauber gesetzt, wirkt die Gesamtkomposition harmonisch. Ich muss mich ganz nah herunterbeugen, um Unterschiede zu erkennen. „Just one more“, höre ich den Verkäufer sagen und er zieht eine weitere Rolle aus irgendeiner seiner tausend Schubladen. Danke nein, ich möchte heute nicht auch noch ein Kunstwerk kaufen, das ich mir sowieso nicht leisten könnte. Wir komplimentieren uns rückwärtsgewandt hinaus. Ich werfe noch einen letzten Blick auf die geübten, ruhigen Bewegungen des Meisters, während unter seiner Hand das Mandala wächst. Beeindruckt bin ich trotzdem.

Mittlerweile ist es früher Nachmittag geworden. Der Tag kommt mir ewig vor und das Verkehrschaos auf dem Rückweg nach Kathmandu schlägt erbarmungslos zu. Ich schlafe dreimal beinahe ein und kann die Augen in der schweren, kratzigen Luft kaum offen halten. Wir kriechen zentimeterweise vorwärts, werden von Motorrollern überholt, von Lastwagen und Bussen eingekeilt. Ich freue mich emotionslos über jede Lücke, die wir erwischen, um einen weiteren Meter gutzumachen. Als ich schließlich die Straßen Thamels erkenne, muss ich kurz prüfen, ob ich nicht doch träume. Mein Zeitgefühl ist irgendwo unterwegs abhandengekommen, mein Sprachzentrum auch. Ein Blick in Jules Gesicht bestätigt mir, dass das Aktivitätslevel des restlichen Tages keinen Peak mehr erreichen wird. Zufrieden steige ich vor unserem Hotel aus dem Auto. Wir bedanken uns bei Ray und dem ruhigen Fahrer, der uns sicher über die abenteuerlichen Fahrbahnen manövriert hat.

Die Kombination aus Sonne, zu wenig Schlaf und sehr viel Information lässt meinen Kopf dröhnen, aber ich bin dankbar für alles Neue, das wir heute kennengelernt haben. Die Tour mit Ray fühlte sich eher wie Sightseeing mit einem weltoffenen Freund an, der nicht müde wurde unsere Fragen über die Menschen, den Alltag und die Herausforderungen Nepals zu beantworten. Und während ich die Eindrücke bereits während unseres Ausflugs laut reflektierte, waren wir uns schnell einig, dass wohl die größte Aufgabe des Landes darin besteht, neben Modernisierung und Fortschrittlichkeit die jahrhunderte gewachsene Tradition in all ihren kulturellen, künstlerischen und religiösen Ausprägungen zu wahren. Und so die Seele des Himalaya-Staates zu behüten.

 

Side note:

Nach unserer Rückkehr treffen wir in der Lobby auf den Hotelmanager, der uns freundlich begrüßt. In knappen Sätzen berichten wir ihm vom ereignisreichen Tag und wollen gerade die erste Treppenstufe nehmen, als ihm einfällt, dass er uns gestern in den Nachrichten gesehen hat. Wir schauen ihn ungläubig an und müssen grinsen. Ob er uns da nicht verwechseln würde. Nein nein, wir seien direkt ins Bild gelaufen, in unseren bunten Holi-Outfits und den Farben überall – er habe uns eindeutig erkannt. Wir lachen. Als ich mich am Tag zuvor in der kleinen Seitenstraße verwundert umgedreht hatte, konnte ich nur noch sehen, wie die Kamera gerade heruntergenommen wurde. Wir haben gescherzt und uns nichts weiter dabei gedacht.

Tja – einmal im nepalesischen Fernsehen gewesen sein kann ich jetzt also auch von meiner Liste streichen.


*1 Das Indra Jatra-Fest ist dem Himmel- und Regengott Indra gewidmet, findet im September statt und erstreckt sich über mehrere Tage. Zu diesem Anlass wird die Kumari, von den Menschen als lebende Kindgöttin verehrt, in einer Prozession durch die Straßen geführt. Im nächsten Artikel berichte ich darüber, wie wir im kleinen Innenhof des Kumari-Palastes in Kathmandu darauf gewartet haben, dass sie sich am Fenster zeigt.

*2 Newar bezeichnet eine traditionsreiche ethnische Gruppe Nepals, die überwiegend im Kathmandu-Tal angesiedelt ist.

Wer neugierig ist, kann Ray gerne einen Besuch auf seiner Instagramseite abstatten – Hier gehts lang

 

3 Kommentare

  1. Micha Micha

    Danke für eine mal wieder schöne halbe Stunde…

    LG auch an Jule!

    • Laura Laura

      Mit Freude 🙂 Liebe Grüße zurück!

  2. Claudia Claudia

    Liebe Laura, ich habe gerade das komplette Zeitgefühl beim Lesen verloren.
    Du hast es geschafft, dass ich das Gefühl hatte, mit dir, Jule und Ray unterwegs gewesen zu sein. Andere kaufen sich Reisebücher, wir dürfen immer wieder deine Berichte lesen. Sehr schön begleitet von deinen Bilder.
    Wir denken an dich : )

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